Noch vor dem Zeitgeist

In den frühen 1950er Jahren hat mein Großvater, Diamant- und Edelsteinschleifer Emil Juchem aus Wirschweiler, diese abstrakte Skulptur in Bergkristall geschliffen.

 

Zu dieser Zeit wurde an der Optimierung des heutigen modernen Brillantschliffes geforscht und man experimentierte an Spiegelungen durch berechnete Anordnungen von Winkeln.

 

Die Werkzeuge und Maschinen, wie ein Sandstein, den sich Juchem mit seinem Bruder teilte, waren nach dem Zweiten Weltkrieg dürftig. Mit den einfachsten Mitteln wurde mit viel Zeit und Überlegung gearbeitet. Als kreativer und handwerklich talentierter Mensch entwickelte Juchem sogar eigene Werkzeuge um innovativ und neu zu sein. 

 

Idar-Oberstein und seine Umgebung ist weltweit ein Begriff für die Verarbeitung von Edelsteinen und Herstellung von Schmuck. Oft waren und sind neben einer Schleiferei, auch ein Goldschmied, ein Graveur, ein Händler mit internationalen Kontakten, oder auch eine Gießerei oder ein Verpackungshersteller zu finden. Diese Konzentration bedeutete aber auch, dass eine große Konkurrenzsituation herrscht. Daher war es früher wie heute von Vorteil, anders zu sein, kreativ zu sein.

 

In vorangegangenen Blogartikeln habe ich mehrfach über die Replikationen und Nachschliffe berühmter Diamanten meines Großvaters gesprochen. Er begann damit 1962 und dieser Bereich wurde für die nächsten 12 Jahre sein Hauptgeschäft. Dennoch experimentierte er gerne mit neuen Formen, Be- und Verarbeitungen, sowie mit eigens entwickelten Werkzeugen. Studiere ich nun heute seine knapp 6 cm hohe Skulptur, so finde ich sie furchtlos und ein Wagnis für die Zeit der 1950er Jahre. 

 

Bernd Munsteiner, den ich in unserer Edelsteinregion als zeitgenössischen Künstler am meisten schätze, wurde in den 1970er/1980er Jahren für diese Edelsteinverarbeitung berühmt und etablierte mit seinen Arbeiten nicht nur international das Genre der Edelsteinskulptur, sondern setzte neue Maßstäbe.

 

Ich erkenne in der Arbeit meines Großvater gleiche Visionen und Ansätze. Aber diese kleine Skulptur zeigt mir als Designer auch, dass die Begabung von Sehen, Vorstellungskraft und räumlichen Denken, oder das Talent die richtigen Entscheidungen für Material, Farbe, Form und Proportion treffen zu können, nicht immer Garant einer erfolgreichen Arbeit bedeutet. Auch wenn eine Umsetzung gelingt, ist das Genannte völlig nutzlos, wenn man vor dem Zeitgeist liegt. Für mich beschreibt diese Skulptur eine Urform, ein Archetyp für eine neue Art. Sie setzt einen Bezugspunkt für weiterführende Entwicklungen und Folgewirkungen, und sie zeugt von reiner Kreativität.

 

Foto und Kontent: Markus Ehrhard